Hilfe für Kinder

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Ausbildung als Mittel gegen Armut

Agenda saptamanal vom 22.02.2013


Interview mit Mechtild Gollnick, Koordinatorin von Projekten im Rahmen des Vereins „Hilfe für Kinder“ Temeswar, eine der wichtigsten Ehrenamtlichen im Kreis Temesch

Sie ist Ehrenbürgerin von Temeswar und es ist eine Ehre, mit ihr zu arbeiten. Sie kam mit 44 Jahren nach Temeswar und hat in diesen über 20 Jahren, in denen sie hier lebt, vielen hundert Kindern und ihren Familien geholfen. Auf wenig befahrenen Straßen in abgelegenen Dörfern im Kreis Temesch hat sie Familien in großer Armut entdeckt, Kinder, die keine Kleidung oder nichts zu essen  und - vor allem - keine Zukunft hatten. An Wintertagen, an denen andere sich nicht aus dem Haus wagten, oder vor den Feiertagen, wenn sich alle in den Geschäften drängelten, um ihre Kühlschränke zu füllen, setzte sich Mechtild Gollnick ins Auto, das sie vorher mit Weihnachtspäckchen von Sponsoren aus Deutschland beladen hatte, und brachte Freude in Häuser, die von vielen vergessen waren. Vor allem aber unterstützt sie regelmäßig, wieder mit Hilfe deutscher Sponsoren, in unterschiedlicher Form die Ausbildung von Kindern aus bedürftigen Familien, damit die Armut nur eine möglichst kurze Periode ihrer Kindheit beherrscht. Indem sie diesen jungen Menschen hilft, trägt sie in gewisser Weise zu einer besseren Zukunft dieser Kinder und dieses Teils der Welt bei.
Für unsere Wochenzeitung „Agenda saptamanala“ zählt sie zu den herausragenden Menschen von Temeswar, weil wir sie für eine der wichtigsten Ehrenamtlichen des Kreises Temesch halten.

Wann sind Sie zum ersten Mal nach Rumänien gekommen, und wie haben Ihre Aktivitäten hier begonnen?
Ich kam 1991 als Lehrerin, von Deutschland entsandt, nach Temeswar, und habe einige Jahren am Nikolaus Lenau-Gymnasium und am Shakespeare-Gymnasium unterrichtet, bis 1998.

Ihre Arbeit zum Wohle der Temeswarer Gesellschaft, die Sie bis heute in diesem Sinne aufgebaut haben, hat nach Ihrer Begegnung mit Hubertus Gollnick begonnen, der hier die „Hilfe für Kinder“ gegründet hat. Wie konnten Sie Ihre Arbeit mit seiner verbinden?
1991 habe ich Hubertus Gollnick kennen gelernt und von seiner Arbeit erfahren. Dann bin ich bald mit ihm zu den damaligen Kinderheimen gefahren und habe begonnen, ihm bei der Arbeit zu helfen, die er im Kreis Temesch und in Temeswar geleistet hat. An meinen freien Tagen schickte er mich mit dem VW-Bus voll Kleidung und Spielzeug, die er aus Deutschland bekommen und in einer großen Halle gelagert hatte, zu den Kinderheimen in Periam, Gavojdia, Lugoj oder Recas.
Mechtild Gollnick1998 habe ich mit meiner Unterrichtsarbeit aufgehört und angefangen, full time ehrenamtlich zu arbeiten.
Jetzt geht Ihre Hilfe für Kinder im Kreis Temesch so weiter, als würde Hubertus Gollnick noch leben. Was war für Sie ausschlaggebend, seine Arbeit fortzusetzen?
Wie schon gesagt, habe ich seit 1998 die ganze Zeit mit ihm zusammen gearbeitet. Seine Projekte wurden auch meine. Ich habe mich für alles verantwortlich gefühlt, was diese Arbeit betraf, und auch gegenüber den Sponsoren, die Hilfsgüter und Spenden hierher geschickt haben. Durch unsere Arbeit konnte ich sehen, dass das Leben der Kinder und ihrer Familien besser wurde, wenn sie Hilfe bekamen. Die Familien waren dankbar und es wurde deutlich, dass ihr Leben leichter wurde. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich die Arbeit weiter führen wollte, die wir gemeinsam aufgebaut hatten. Ich möchte hinzu fügen, dass ich froh und dankbar bin, dass Sponsoren aus Deutschland weiterhin diese Hilfe hier ermöglichen, und möchte ihnen dafür herzlich danken.

Wie hat sich im Laufe der Zeit der Kinderschutz im Kreis Temesch entwickelt? Was hat sich positiv verändert? Was muss noch getan werden?

Heute sind die Kinderheime viel kleiner, die Kinder leben in Familiengruppen, jede Gruppe hat ihre eigenen Erzieher/innen. Die Jugendlichen sind besser auf ihr Leben in „Freiheit“ nach der Heimentlassung vorbereitet. Leider wurden die Löhne der Erzieher/innen gekürzt, was dazu geführt hat, dass sie unzufrieden sind. Ich denke, ihre Löhne müssten wieder angehoben werden.

Welches sind im Moment – auf Grund der Kontakte, die Sie täglich mit Kindern haben, die ohne Familie aufwachsen, und mit benachteiligten Familien – die größten Probleme im Sozialbereich in Rumänien und im Kreis Temesch?

Meiner Erfahrung nach erhalten viele Familien nur sehr wenig Sozialhilfe oder gar keine. Leider verstehe ich nicht, warum. Diese Familien leben in einer schrecklichen Armut, viele sind krank … Können Sie sich vorstellen, welche Zukunft die Kinder aus solchen Familien haben? Dazu kommt, dass viele Familien keine Wohnung haben oder in miserablen Verhältnissen leben.

Was könnten Ihrer Meinung nach Temeswar – durch das Bürgermeisteramt – und der Kreis Temesch – über den Kreisrat – tun, um die sozialen Probleme zu lösen oder die Situation zu verbessern?
Das Problem Rumäniens besteht darin, dass zu viele Menschen bitter arm sind. Der Staat hat nicht genug Geld, um alle Probleme zu lösen. Anscheinend gibt es Bürgermeisterämter, die zu viel Geld für Luxus ausgeben, aber nicht genug für arme Menschen. Ich glaube auch, dass die Korruption zu groß ist.

Mechtild GollnickWas halten Sie für die größten Probleme der Familien, die Sie kennen und unterstützen?
Ich glaube, dass zu viele Eltern arbeitslos sind. Zu viele haben keine ausreichende Schulbildung und werden nicht eingestellt. Außerdem schicken zu viele Eltern ihre Kinder nicht in den Kindergarten oder in die Schule, was zur Folge hat, dass diese Kinder dann ihrerseits keine Möglichkeit haben werden, aus der Armut heraus zu kommen. Viele Familien bekommen keine Personalausweise, weil sie von den Vermietern keine Mietverträge erhalten. Ohne Personalausweis können sie nicht eingestellt werden, sie bleiben arbeitslos, wodurch ihre Armut immer größer wird. In vielen Fällen gehen die Eltern ins Ausland arbeiten, um ihre Armut zu überwinden, und lassen ihre Kinder dann unbeaufsichtigt zu Hause. Viele Kinder gehen dann nicht in die Schule, was wiederum zu Problemen führt.

Können Sie bitte einige Ihrer Projekte nennen, die Sie im Moment im Kreis Temesch realisieren?
Lernförderprojekte sind mir besonders wichtig. Dazu gehören Unterstützungen für bedürftige Kinder, denen ich helfe, dass sie den Ganztags- oder Wochenkindergarten besuchen können. Außerdem kaufe ich Schulmaterial oder bezahle die Monatsfahrkarten zur Schule oder Internatsplätze für einige Kinder. Ich unterstütze finanziell Tagesheime, in denen Kinder aus armen Familien Mittagessen erhalten und ihre Hausaufgaben machen können. Ein solches Projekt haben wir auch in Bencecu de Jos, wo den Kindern bei ihren Hausaufgaben geholfen wird.

Gibt es vielleicht einen Fall, wo Sie besonders viel geholfen haben, oder einen Spezialfall, an den Sie sich erinnern, und können Sie uns davon berichten?

Im Moment bemühe ich mich, einer Familie mit Kindern in einem Dorf im Kreis Temesch besonders zu helfen. Die Mutter ist gelähmt und der Vater kann nicht arbeiten gehen, weil er sie betreuen muss. Die Familie wohnt in einem sehr alten Haus, und es besteht die Gefahr, dass die Wände einstürzten. Der Vater baut jetzt allein im Hof ein neues Haus, und ich versuche, ihm mit Geld für Baumaterial zu helfen.

Ehrenbürgerin

Sie sind Ehrenbürgerin von Temeswar. Welchen Eindruck haben Sie von der Stadt und den Menschen hier? Haben sie sich verändert? Tun sie genug für die Gesellschaft?
Leider gibt es in Rumänien zu wenige Menschen, die ehrenamtlich im Sozialbereich tätig sind.

Was möchten Sie den Temeswarern über die Bedeutung ehrenamtlicher Arbeit und Hilfe für Bedürftige empfehlen?
Wenn es mehr Ehrenamtliche gäbe – nicht nur im Sozialbereich – wäre das Leben für viele arme, alte und behinderte Menschen und für Alleinerziehende leichter.

Warum sind Sie nicht nach Deutschland zurück gegangen?
Rumänien ist ein schönes Land, mit herrlichen Landschaften und gastfreundlichen Menschen. Außerdem habe ich hier Freunde, die mir helfen, und ich fühle mich wohl hier.

Was gefällt Ihnen in dieser Stadt am besten?
Die orthodoxe Kathedrale, die Konzerte in der Philharmonie und die Parkanlagen.

DELIA S. BARBU



Hubertus GollnickHubertus Gollnick
kam am 3. Oktober 1990 zum ersten Mal nach Temeswar. Er war pensioniert und wollte in einem Bereich arbeiten, in dem er seine Erfahrungen nutzen konnte. Auf Initiative und mit Unterstützung der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen gründete er in Temeswar die Postlycealschule „Sancta Maria Hilfe“ für Kinderkrankenschwestern, Erzieher und Heilpädagogen und war bis 1995 deren Direktor. Parallel dazu unterstützte und beriet er fast jedes Kinderheim im Kreis, aber auch die Kinderschutzdirektion des Kreises Temesch, auch was die Reform der Heimerziehung betraf. Er unterstützte finanziell und mit seiner beruflichen Erfahrung Kinderheime, Tageseinrichtungen, Fachkräfte in der Kinderklinik, Psychiater, Zentren für Romakinder und Straßenkinder und bedürftige Familien. Sein Ziel, für das er sich mit seinen Aktivitäten einsetzte, war es, auf unterschiedliche Weise bessere Lebensbedingungen für benachteiligte Kinder zu erreichen: Den Kinderheimen gab es Geld für die Verpflegung, Kleidung, Schuhe, Spielsachen und Schulmaterial, er finanzierte Projekte wie „Kleine Köche“, Freizeitaktivitäten und Ausflüge; er unterstützte die Alphabetisierung und Resozialisierung von Roma- und Straßenkindern; er bezahlte die Kosten für „Betreute Wohnungen“ für Jugendliche, die aus den Kinderheimen entlassen wurden, und half Schüler/innen und Absolvent/innen der „Sancta Maria Hilfe“-Schule mit Patenschaften; er kaufte Obst und Milch für die Kinder in Ganztagskindergärten in ärmeren Stadtvierteln und gab Zuschüsse für das Mittagessen für Straßenkinder und Obdachlose und Finanzhilfen an bedürftige Familien.
Hubertus Gollnick wurde 1997 zum Ehrenbürger von Temeswar ernannt. Er starb am 2. Dezember 2004. 


 

Die rumänische Fassung des Interviews können Sie hier nachlesen:

Teil 1 und Teil 2

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